An Matthias

Lieber, bester Freund Matthi,

heute bekommst du Post von mir. Ich möchte dir schreiben und was schenken. Mein Geschenk an dich ist ein Barthaar von mir. Ich glaube, Annegret hat es mir ausgerissen, als sie mir die Zähne putzen wollte. Dazu aber später mehr. Es hat mir auch gar nicht wehgetan, und bestimmt hat sie es nicht extra gemacht. Tatsache aber ist, dass ich jetzt eins dieser kostbaren Barthaare weniger habe. Und dieses tolle Exemplar sollst du nun bekommen! Ich möchte dich bitten, es mal ganz genau zu betrachten und zu befühlen! Ich selbst würde es natürlich als erstes beschnuffeln. Ist es nicht wunderbar?

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Nicht nur der Farbübergang von weiß zu schwarz, sondern auch die vollendete Verjüngung zur Spitze hin! Und erstmal das Material! Es fühlt sich beinahe an wie Perlon. Ist es aber nicht. Ich weiß auch nicht, woraus es besteht, aber ich habe sogar eine Art Wahrnehmung darin! (Also, in diesem natürlich nicht mehr.)

Es ist schon toll, aus welchen Einzelheiten ich bestehe! Manchmal denke ich, nicht umsonst kommen die Götter aus Griechenland.


Nun aber zum Zähneputzen: Ich wohnte noch gar nicht lange bei Annegret, da fing sie abends mit dieser blöden Nummer an. Ehrlich gesagt, ich weiß bis heute nicht, was das soll.

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Der einzige Grund, dass ich mich darauf einlasse, ist, dass die Paste auf der Bürste unglaublich gut schmeckt. Ich lecke jedes Mal, was das Zeug hält, um beim Schrubbeln was abzukriegen. Trotzdem fiel es mir am Anfang schwer, diese Nummer zu ertragen. Aber es ist halt dieser herrliche Geschmack …

Dann kam eines Abends eine Programmänderung: Annegret kam mit der Bürste nicht mehr an mein Bett, sondern ich sollte zu ihr ins Badezimmer kommen! Das hat mir ziemlich gestunken. Leider ist sie aber immer noch stärker als ich, und ich habe den Kampf verloren. Deswegen habe ich meine Taktik in zwei Stufen umgestellt. Auf den Zuruf von Annegret: „Hannes, Zähne putzen!“ bin ich in den letzten Wochen freiwillig und unverzüglich ins Bad geeilt und habe mir damit ganz schönes Lob eingehandelt. Und dann ist mir die zweite Stufe eingefallen. Sobald ich vor dem Schlafengehen im Badezimmer das Wasser rauschen höre, springe ich auf und laufe hin, bevor Annegret mich überhaupt gerufen hat. Du glaubst gar nicht, wie stolz sie auf mich ist!

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Und danach kriege ich ja jeden Abend vor dem Schlafen noch ein Lied gesungen.

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Das ist eigentlich mit das Schönste, weil es ganz für mich alleine ist.

Nur eine Sache krieg und krieg ich nicht in den Griff! Ich sag dir das jetzt aber nur. Ich haue einfach unglaublich gerne ab! Es ist zum Verzweifeln, nicht nur für Annegret. Ich weiß, dass ich sie maßlos enttäusche, denn sie macht mir das Leben ja sonst so schön! Das muss an meiner Vergangenheit liegen. Ich bin halt als Kind auch schon total gerne rumgestromert. Und das schlägt bei mir immer noch so gewaltig durch, dass ich einfach nicht dagegen ankomme, sobald ich nur die allerkleinste Chance habe, abzuhauen. Und in dem Moment stelle ich mich auch taub, wenn sie ruft. (Ich höre es aber trotzdem.)

Mal sehen, ob ich da nicht vielleicht im Laufe der Zeit noch was an mir arbeiten kann. Ich habe ja schon viel gelernt und finde mich auch ganz schön klug. Wenn ich dagegen manche anderen Artgenossen erlebe …

So, das ist aber jetzt der längste Brief meines Lebens geworden. Nur eine Bitte habe ich noch: Bewahre mein Barthaar sorgfältig auf! Du bist immerhin der einzige Mensch auf dieser Erde, der eins von mir besitzt.

Ist das nicht ein schönes Bild von uns beiden?

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Viele Grüße von deinem tollen Hannes

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