Urlaubs-Tagebuch 2005

Mein Urlaubs-Tagebuch

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1. bis 10. Oktober

 

 

Sonntag, 2. Oktober 2005

Schreiben im Urlaub ist doof. Da hat man ja nun wirklich was Besseres zu tun. Aber Annegret meinte, es würden doch wohl viele gerne wissen, was ich erlebe.

Also, am Freitagabend fing Annegret an zu packen. Das kenne ich ja inzwischen, und es bedeutet für mich höchste Alarmstufe, dass bei allem, was mit muss, ich nicht vergessen werde. So habe ich denn auch viel zu früh die Nerven verloren, nämlich schon, als Annegret ihren neuen Rucksack bepackt hatte und diesen ins Auto bringen wollte. Da bin ich aber wie ein Pfeil mit durch die offene Tür geschossen, musste dann aber leider – oder zum Glück – wieder zurück. Ich hatte ganz vergessen, dass Annegret ja ungefähr 70 Mal zum Auto geht, bis alles voll ist. Wir sind an dem Abend auch gar nicht gefahren.

Aber Samstagmorgen ging´s los. Nur Regen! Die ganze Fahrt.

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Also, sechs Stunden lang das Geräusch von Wischerblättern in den Ohren ist so wie sechs Stunden Sägeblätter im Gemüt.

Gelandet sind wir nachmittags bei besserem Wetter im Elsass in Frankreich in einem echten Winzerdorf, leider mit dem Namen Katzenthal.

Die Wohnung, die Annegret gemietet hatte, gefiel mir auf Anhieb gut.

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Ein riesiges Sofa! Ich hab auch gleich gefragt, ob ich drauf darf, aber mit Annegrets Kopfschütteln war das Sofa-Verbot sofort klar. Ich hatte aber mein Nerzbett vom Hollandurlaub wieder mit.

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Wir haben dann erstmal für mich zum Kennenlernen eine schöne 2-Stunden-Runde durch die Weinberge gemacht, bevor Annegret ungefähr 70 Mal zum Auto ging, um das leer und die Wohnung voll zu räumen. Dafür fehlt es uns an nichts. Ich habe nur meine Zahnbürste vergessen.

Heute gleich die erste Wanderung. Leider im zweiten Teil mit Regen. Aber die Gegend! Die Ausblicke! Ich musste alle naselang anhalten und staunen.

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In einer ganz einsamen Kapelle war gerade eine Messe für junge Leute.

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Aber wir durften wegen mir nicht rein.
Am späten Mittag waren wir zurück. Mittagessen, Nickerchen und dann nochmal raus.

Was habe ich für ein Glück, dass Annegret so gerne rausgeht. Auch bei schlechtem Wetter. Als gebürtiger Grieche halte ich zwar nix von Regen, aber Drinnenhocken wäre noch schlimmer.

Montag, 3. Oktober 2005

Der Vormittag war langweilig, das Wetter wieder schlecht. Also ist Annegret, die alte Süffeltante, erstmal zum Weinkauf aufgebrochen. Neun Kartons! Da konnten wir vor dem Mittagessen nur eine Stunde in die Weinberge gehen. Hier ist alles so furchtbar steil!

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Ich habe übrigens entdeckt, dass hier die Trauben wachsen. Die mag ich doch so gerne. Annegret sagte aber, ich solle nichts pflücken. Sie kauft welche.

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Nachmittags wieder zwei Stunden raus. Das nenne ich „artgerechten“ Urlaub. Allerdings ist das Wetter oft noch unartig.

Dienstag, 4. Oktober 2005

Ich lerne jetzt Französisch! „Non“ heißt „nein“ (häufiges Wort). „Bjäng bjäng bjäng“ heißt „gut gut gut“ (auch häufig). „Issi!“ heißt “Hier!“. Nur bei „rechts“ und „links“ komme ich schon durcheinander. Dabei kann ich eigentlich so gut auf Zuruf richtig abbiegen. Aber mit dem „adroatt“ und „agoosch“ klappt das überhaupt nicht.

Heute Vormittag haben wir wieder eine richtige Wandertour gemacht, trotz des nässesten Nebels.

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Eine ziemliche Kraxeltour zu drei alten Schlossruinen. Wir waren locker drei Stunden unterwegs.
Auf dem Rückweg kamen wir noch an einem ganz abgeschiedenen Wallfahrtskloster vorbei; leider durfte ich da auch nicht mit rein.

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Ich konnte aber draußen die schöne Musik hören.

Am Nachmittag nach unserem Nickerchen fand ich das Leben so schön, dass mich mit großer Macht ein unsägliches Verlangen nach Sofa und Annegret überkam. Die saß nämlich mit Buch und einer Tasse Kaffee auf dem Sofa.
Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und habe meinen Kopf zunächst aufs Sofa gelegt, dann auf Annegrets Schoß und die Vorderpfoten aufs Sofa. Dabei habe ich sie angeschmachtet (ihr kennt ja meine Augen!)

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und dann klammheimlich die Hinterbeine hochgezogen. Da hatte ich´s geschafft.
Annegret hat zwar wieder den Kopf geschüttelt, aber auch über mich gelacht, weil ich meine Nummer so überzeugend inszeniert hatte.

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Später sind wir nochmal vom Haus aus losgegangen und auf den 731 Meter hohen „Galtz“, unseren „Hausberg“ gestiegen.
Hier ist eine weithin sichtbare, überwältigende Statue von Jesus, der alle Menschen und Tiere segnet.

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Zum Glück ist keine Kirche drumrumgebaut, in die ich wieder nicht reingedurft hätte. So konnte ich mich schön auf die Stufen setzen und meditieren.

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Die Berge sind ganz fest in den Wolken.

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Egal. Zweieinhalb Stunden waren wir dennoch unterwegs.

Spät abends hat ein stundenlanger Wolkenbruch eingesetzt, dass Annegret mich nur mit roher Gewalt rauszerren konnte. (Sie meinte, ich müsste nochmal das Bein heben.) Dabei bin ich furchtbar nass geworden und war dann froh, dass das braune Betttuch auch mitgekommen ist.

Übrigens: Vom Sofa habe ich tatsächlich die rechte Hälfte erobert. Da liegt jetzt eine Decke drauf, damit es keinen Ärger wegen Hundehaaren gibt.

Mittwoch, 5. Oktober 2005

Wetter Nebensache, Wandern Hauptsache. Es ist mild, sehr bedeckt und trüb, aber kein Regen mehr. Annegret hat eine Wanderung von über fünf Stunden rausgesucht. Das geht nur mit Picknick. Ich glaube, meinen Rucksack brauche ich erst in den hohen Bergen.

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Die Wanderung war nicht ohne, aber ohne besondere Vorkommnisse.
Allerdings haben wir beide inzwischen einen Grund zum Ärgern. Annegret ärgert sich maßlos, dass sie immer noch keinen Steinpilz gefunden hat, dabei giert und stiert sie pausenlos. Und ich ärgere mich über Annegret, wenn´s steil bergab geht. Meine Güte, was ist das für ein ängstliches Getrippel! Zwanzig solcher Schrittchen kann man bergab auch mit einem beherzten Sprung erledigen. Und je mehr sie bremst, desto doller ziehe ich. Das macht mich nur unnötig müde. Jedenfalls bin ich dankbar, dass ich vier Beine habe.

Am Abend schreibt Annegret unzählige Postkarten. Selbstgemachte. Mit in den Urlaub genommene. Da sind wir beide zusammen mit unseren Rucksäcken drauf.

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Donnerstag, 6. Oktober 2005

Was für ein Wahnsinnstag! Annegret ist das Jodeln vergangen und mir die Spucke weggeblieben. Das Wetter sollte endlich sonnig werden, aber was war heute früh? Nichts als dicke Nebelsuppe! Da tönt es aus Annegret: „Jetzt reicht´s!“ Sie will mit mir die hohen Berge niedermachen. Und heute ist endlich mein Rucksack dran. Als sie ihn nimmt, muss ich sehr wedeln. Ich weiß ja noch nicht, was auf mich zukommt, nur, dass es eine schwere Wanderung wird, wo für lächerliche 10 Kilometer im Wanderbuch fünf Stunden angegeben sind.

Bei der Fahrt zum Koll de Kallwähr gucke ich überhaupt nicht raus. Es ist so grauenhaft dichter Nebel, dass Annegret die Schilder nicht alle lesen kann.

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Aber über 1000 Meter Höhe wird es ein bisschen besser. Also Rucksäcke auf und los. Erst durch Wald über einen sehr felsigen Pfad zu einem ganz einsamen See.

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Hier haben wir ein kleines Picknick gehalten und einigen Franzosen ein Interview gegeben, die mich für ihren Rottweiler um meinen Rucksack beneideten.

Und dann ging es fast senkrecht in den Felsen hoch. Es war so furchtbar schwierig. Die Felsklötze, über die es hochging, waren viel höher als meine Beine lang.

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Also musste ich hochspringen. Dabei störte mich aber der Rucksack. Ich konnte auch nicht sehen, wohin ich springe, weil es so grauenhaft felsaufwärts ging. Und überall Abgründe.

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Ich hab´s dann zwischen den Felsblöcken durch versucht, aber mit meinem Rucksack war ich zu breit und habe nur Felsscharten ausgewetzt. Ich war ratlos.

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Und mein Rucksack sah furchtbar aus.

Hinter mir hörte ich Annegret keuchen und wiederholt sagen: „Mon Djö, ßä dangscherö!“ Dabei stocherte sie mit ihren Stöcken rum, um Halt zu finden und sich abzudrücken. Dass sie hinten an der Leine hing, machte die Sache für mich noch schwieriger. Es war hammerhart und nahm erst nach einer Stunde ein Ende. Nach einer weiteren Stunde sagte Annegret: „Mir schlottern noch immer die Knie!“

Als wir auf 1220 Meter hoch waren, ging´s wieder lange runter zu einem anderen See. Und dann wieder lange bergan, aber nicht mehr so gefährlich. Nach über 3 Stunden dann der Gipfel des Tages: 1302 Meter hoch!

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Hier gibt es keine Bäume mehr, nur eine endlose einsame wilde Hochfläche.Ich habe nach Luft geschnappt. Mein Leben lang war ich noch niemals sooo obenauf!

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Und weil ich so überglücklich war, an der Leine aber nicht losrasen konnte, habe ich einen jähen und total verrückten Flicflacpurzelbaumluftsprungwälzer in der Längsachse gemacht. Mit Rucksack !!! Wahnsinn !!!

Ein paar Kilometer ging´s dann über diese Hochfläche. Auf einmal hörte ich ein ganz unbekanntes Geräusch. Annegret sagte: „Das ist eine Kuhglocke.“ Sehen konnten wir wegen der Krüppelkiefern nichts, aber immer mehr Glocken waren zu hören.
Da hatten wir auf einmal eine Kuh vor uns mit einer funkelnden Glocke und einem goldverzierten Halsband.

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„Das ist der Almabtrieb“, sagte Annegret, und man hörte allerlei Männer rufen wie bei einer Treibjagd.
Die nächste Kuh hatte eine Glocke so groß wie ein Melkeimer.

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Auf einmal tauchte – o Freude – noch ein Hund auf, ein Border Collie. Aber er konnte mich nur ganz kurz begrüßen, denn er war gerade bei der Arbeit. Toller Beruf!
Aber wir haben Urlaub.

So obenauf, wie ich am Nachmittag noch war, so platt war ich am Abend.

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Annegret hat mal zusammengerechnet, dass das ganze Auf und Ab an diesem Tag insgesamt 1052 Meter Höhenunterschied waren.

 

Freitag, 7. Oktober 2005

Donnerlittchen! Hab ich einen Muskelkater! Ich bin heute Morgen kaum vom Sofa runtergekommen. Auch mit Dehnen, Strecken und An-den-Beinen-Lecken wurde es nicht besser. Wir sind aber trotzdem wieder in die Berge gefahren.

„Kleine Runde“, sagte Annegret. „Nur Kleiner Ballon und Kahler Wasen. Zweieinhalb Stündchen. Brauchste keinen Rucksack. Meiner reicht.“ Aber aus den zweieinhalb Stündchen wurden fast vier. Die Wegmarkierungen stimmten alle nicht überein. So sind wir viel hin- und hergelaufen. Manchen Quatsch auch zweimal.

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Auf dem Kleinen Ballon hat Annegret fast eine Stunde an dem richtigen Abstieg gesucht (inklusive Mittagspause). Ohne Sonne gibt es keine Himmelsrichtungen. Und der Vogesen-Club hat inzwischen die Wanderzeichen geändert.

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Mir aber war das ganz recht. Ich war wieder gut eingelaufen und wäre gerne noch ein paar Stündchen geirrt. Am Nachmittag, als wir zurück im Rebland waren, haben wir zum ersten Mal richtig die Sonne gesehen. Dann ist alles noch schöner.

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Samstag, 8. Oktober 2005

Schade, dass man nicht alles Tolle von mir fotografieren kann. Ich bin nämlich ein ganz begnadeter Rülpser. Kaum, dass ich meinen Napf geleert habe, lasse ich die Kameraden rollen, dass man meint, ein Gewitter wäre im Anmarsch. Gerade heute früh hatte Annegret mir den Napf so schön voll gemacht. Nebenbei: Ich habe den Eindruck, ich kriege im Urlaub mehr zu fressen als sonst. Vielleicht, weil wir so viel marschieren. Diese großen Portionen würde ich eigentlich immer schaffen, nur wäre ich dann gewiss schon dick und nicht mehr so flink. Also, – kaum hatte ich den Napf leer, da habe ich aber einen Rülpser in die Welt gesetzt, dass Annegret laut lachen musste und mir sogar dafür eine Bestnote mit hohem künstlerischen Wert gegeben hat.

Gewandert sind wir heute bei herrlichstem Wetter fast 6 Stunden. Aber nicht à la Wanderbuch, sondern vom Haus aus à la carte.

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Annegret meinte, dass die hohen Berge am Wochenende bei solch schönem Wetter zu bevölkert wären. Mir ist alles recht, solange es nur weit ist.
Eine schöne Picknickpause hatten wir schon sehr zeitig am Mittag gemacht, und für die zweite am frühen Nachmittag hatte Annegret einen wunderschönen Moosplatz im lichten Eichenwald ausgesucht. Wir hatten schon fast alles verputzt, nur Annegret aß noch ihren Apfel, als vom Galtz oben die vier Leute kamen, die mich dort schon bewundert hatten. Der erste Mann sagte, als er uns sah: „Nein, ist das ein schönes Bild!“ Annegret meinte spontan: „Ja, würden Sie uns fotografieren?“ und reichte ihm unsere Kamera.
Als ich das Wort „fotografieren“ hörte, ging´s bei mir los. Da habe ich alle Register meines Clown-Talents gezogen, bin von rechts nach links gesprungen, in Annegrets Rucksack reingekracht, habe ihr den Apfel aus der Hand gerissen und in die Luft geworfen, aber eine Mücke gefangen!

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Dann habe ich mich gewälzt, dass Laub und Moos hochflogen, bis alle schrien vor Lachen. Der Mann meinte, er hätte ein gutes Bild gemacht und wollte mit seiner eigenen Kamera noch ein Foto von meinen schönen Augen machen.

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Da hab ich die Sau nochmal rausgelassen, bin in einer Grätsche auf seine Kamera zugeflogen, hab mir dann das Apfelstück wieder geschnappt und weggeworfen und mich nochmal gewälzt. Wenn das ein Bild von schönen Augen gegeben hat, dann Glückwunsch!

Apropos Sau: Annegret hat immer noch keinen Steinpilz gefunden, und zwar – wie sie sagt – weil mal wieder die Wildschweine vor uns da waren. Ich habe denen daraufhin ungefähr ein Dutzend Eicheln weggefressen. Wenn man vorher die Käppchen abmacht, schmecken die gar nicht mal so schlecht. Ich denke, ungefähr so, wie Annegrets Enkeln mein Hundefutter schmeckt.

Sonntag, 9. Oktober 2005

Heute brauche ich nix zu schreiben, weil es keinerlei Höhepunkte gab.

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Bei allerherrlichstem Wetter sind wir wieder 5 Stunden à la carte gegangen. Leider waren ziemlich viele Menschen unterwegs, aber auch einige Hündgen.

Montag, 10. Oktober 2005

Ich möchte nur noch heulen! Ich kann es überhaupt nicht fassen! Annegret fängt wieder an zu packen. Das kann doch nicht wahr sein! Nicht nach so einem Tag wie heute! Nicht bei solchem Wetter!
Es war der allerabsolutigste Hypermegawahnsinnswandertag!
Ich kann mir überhaupt keinen Grund vorstellen, warum wir wieder fahren müssen. Es ist ganz furchtbar. Aber während Annegret jetzt packt – es sind inzwischen 14 Weinkartons geworden – will ich von unserer Wanderung erzählen. Heute war wieder der Rucksack dran. Also, dazu muss ich noch was sagen: Mit diesem knallroten Exemplar bin ich eine echte Ausnahmeerscheinung.

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Immer wieder bleiben Leute stehen und lachen oder fragen, was denn da drin ist. Wenn es Deutsche sind, sagt Annegret: „Rechts der Flachmann und links der Henkelmann“. Hier in Frankreich fragen aber auch die Franzosen. Dann sagt sie: „Adroatt o-d-wi eh agoosch dü gatoh“. Jetzt sind wir heute aber auch an ein holländisches Ehepaar geraten, und da war es auf einmal: „Rechts Genever und links Kaas.“ Ja, soviel zum Rucksack.

Schon die Fahrt am Morgen mit dem Auto war ziemlich weit, und ich merkte, dass wir immer höher und höher kamen. Annegret rief nach hinten: „Guck doch mal raus, was hier auf der Straße steht! VINO ULLE KLÖDI VOIGT. Immer und immer wieder. Das ist noch von der Tour de France. Hier sind die hoch!“
Nun ja.

Aber jetzt zu der Wanderung. Warum Annegret diese rausgesucht hat, begreife ich nicht. Oder doch. Jedenfalls war der erste Teil der blanke Wahnsinn.

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Sie hatte mir schon aus dem Buch vorgelesen: „Der Sentier des Roches am Anfang der Wanderung gilt zu Recht als einer der eindrucksvollsten und gefährlichsten einheimischen Gebirgspfade.“

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Und so war es denn auch. Das war die Steigerung von steil am Donnerstag.

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Nicht, weil es noch steiler bergan ging, sondern weil es auf der einen Seite senkrecht hoch und auf der anderen senkrecht in den Abgrund ging. Und der Pfad war eigentlich gar keiner.

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Irrsinnig schmal, fast nur Felsen, oft mit Drahtseilen zum Festhalten. Die hätte ich mir und Annegret gerne zusätzlich als Nerven gewünscht. Wir hatten manchmal beide Angst.

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Und trotzdem ging es mir besser, weil ich ja vier Beine habe. Ich glaube, ich wäre als Steinbock hundertmal geeigneter als Annegret als Gemse. Aber selbst solche trifft man hier nicht an.
Zwischendurch hörte ich immer wieder von hinten: „Nimmt das denn gar kein Ende?“ Oder: „Wann hört das denn endlich auf?“
In der Tat: Für die erste und schlimmste Passage haben wir eineinhalb Stunden gebraucht.
Nach einem Picknick ging es aber nochmal genau so lang weiter, zuweilen aber sogar mit begehbaren Abschnitten.

Und dann kam das Schönste. Das Allerschönste. Das Allerallerschönste:

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Nur noch Bergwelt mit wenig Pflanzen, aber Ausblicken, die selbst mir vollends den Atem verschlagen haben. Ich musste hecheln. Dabei dachte ich, ich wäre nach unseren letzten Wanderungen schon was gewohnt. Es ging immer weiter bergauf.

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Mein Rucksack war nach der zweiten Pause schon schön leicht, und da bin ich gesprungen, vor und zurück, adroatt und agoosch, und immer wieder Gucken, Staunen, Gucken, Hecheln…

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Auf einmal ruft Annegret: „Stop! Ich brauch die Brille! Ich glaub, ich kann die Alpen sehen!“ Und dann (mit Brille): „Das ist ja der helle Wahnsinn! Die gesamten Schweizer Hochalpen! Aiger, Mönch, Jungfrau und alle anderen!“ Sie konnte es gar nicht glauben. Ich auch nicht. So weit kann ich nämlich gar nicht sehen. Schade.

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Annegret hat dann den nächstbesten Messjö angesprochen, der sehr verwundert war, dass man heute soweit sehen konnte; das war ihm noch gar nicht aufgefallen. Zusammen sind wir dann auf fast 1400 Meter hochgestiegen. Er hatte ein Hemd an, wo „Hanes“ auf die Brusttasche gestickt war. Annegret sagte ihm, dass ich so heiße, nur mit zwei „n“. Darauf meinte er, ein Hund wäre zum Skifahren und für Asienreisen lästig. Da haben wir uns schnell verabschiedet. Aber den Rundumblick haben wir nochmal in vollen Zügen genossen.

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Unglaublich, wieviele Himmelsrichtungen es bei klarer Sicht gibt! Bis zum Auto hatten wir vom Gipfel aus noch ein gutes Stück mit einem geradezu komfortablen Weg. Insgesamt sind wir fast sechseinhalb Stunden gewandert. Und jetzt bin ich sowas von hundemüde. Und sowas von überglücklich. Und sowas von traurig.

Annegret ist fertig mit Packen.
Das war´s dann wohl.

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PS: Weil ich so traurig bin, singt Annegret mir heute ein ganz besonderes Balsam-Lied:

Fels ist bezwungen, frei atmen Lungen,
Ach, wie so schön ist die Welt!
Handschlag, ein Hecheln,
Mühen vergessen,
Alles aufs Beste bestellt.
Lebt wohl, ihr Berge, sonnige Höhen,
Bergvagabunden sind treu, ja treu …

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