Endlich wieder Allgäu! Oder: Das fängt ja gut an!

Mittwoch, 8. September:

Hurra, hurra, Annegret packt!
Mein Rucksack ist auch schon bereit. Ich will mal eben nachsehen, was Annegret reingetan hat.

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Alles okay. Sie bringt schon einiges zum Auto. Ich bleibe aber ganz cool. Wir fahren sicher erst morgen los.

Donnerstag, 9. September:

Start: 10 Uhr. Gutes Wetter, wenig Verkehr.

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Also, einiges habe ich ja doch im Laufe meines Lebens dazu gelernt. Erstens brauche ich nicht die Nerven zu verlieren, wenn Annegret packt. Sie nimmt mich wirklich immer mit. Zweitens sollte man nicht die ganze Fahrt verpennen. Das passiert mir ja meistens, aber heute gucke ich oft raus.

Zwischen Stuttgart und Ulm gibt´s ´ne Mittagspause. Annegret füllt mir den Nudelsalat in ein solch kleines Schälchen, dass Nudeln und Fleischwurst rauspurzeln.

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Ich sammle aber alles ein.

Am Aichelberg dann etwas Regen.“Klar“, sagt Annegret, „so wie das hier steigt, kann das nur Steigungsregen sein.“

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Und dann – endlich – kommen die Berge in Sicht!

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Jetzt gibt´s kein Halten mehr. Annegret fährt schwupps in einem durch, kauft nur schnell in Sonthofen ein Brot und dann geht´s die letzten zwei Kilometerchen bis Beilenberg.

Kaum sind wir in unserer Wohnung, muss ich auf den Balkon!

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Ist das herrlich! Alles noch genau so, wie es war! Dieser tolle Ausblick!

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„Hannes!“ sagt Annegret, „du zitterst ja am ganzen Leibe! Freust du dich so?“ Ja, und wie! Ich freue mich so doll, dass ich komplett mit Fell zittere!

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Bei solchem Urlaubsbeginn kann ich nur sagen: „Das fängt ja gut an!“

Wenn ihr meinen Urlaubsbericht von 2008 noch nicht kennt, dann müsst ihr mal in meinem Blog zurückblättern bis zum Jubel-Jodel-Urlaubsbrief. Alles, was ich vor zwei Jahren erzählt habe, passt nämlich jetzt ganz wichtig hierhin. 

Ich möchte viel wiedersehen und ganz viel Neues erleben.

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Freitag, 10. September:

Heute gehen wir erst einmal bekannte Wege. Wir wollen uns wieder mit der Umgebung vertraut machen.

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Und damit fällt mir gleich etwas sehr Vertrautes ein: Das blöde Glotzen der Rindviehcher, wenn ich auftauche!

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Es stört mich und ist immer und überall dasselbe. Mit diesem Problem bin ich sogar neulich fast straffällig geworden. Das muss ich mal eben erzählen. 

Vor vielleicht drei Wochen besuchen wir Annegrets Mutter, also meine Oma. Nach unserer Morgenrunde kommen wir aus dem Wald zurück – und was rieche ich da? Ich traue meiner Nase kaum: Gino! Meinen allerbesten Freund Gino rieche ich. Das macht mich so aufgeregt, dass Annegret mich ableint, damit ich ihn schneller finde. Und siehe da – alle stehen unterhalb vom Haus: Oma, Annegrets Bruder und Gino. Vor lauter Freude bin ich wie ein geölter Blitz an denen vorbeigejagt, in die verschiedensten Richtungen. Und auf einmal passiert etwas Unglaubliches: Irgendwie bin ich vom Grundstück abhanden gekommen und finde mich weiter unterhalb auf einer Weide mit Rindviehchern wieder. Diese Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen. Ich fange sofort an, die Truppe aufzumischen! Heißa, wie sie hopsen und springen! Ich gerate in Rage und gebe erst richtig Gas! Von oben höre ich auf einmal schrille Schreie, Rufe, Pfiffe! Egal.
Ui! Ganz ungefährlich ist mein neuer Sport aber nicht. Ein Rind tritt rückwärts nach mir. Da muss ich aufpassen. Ich bin aber noch nicht fertig. Endlich kann ich diesen Viehchern mal sagen, was ich von ihnen halte! Erst als ich vollkommen ausgepifft bin, trotte ich zurück. O je, wie bin ich beschimpft worden! Annegret war stinkesauer und meine Oma sehr wütend. Sie sagte, die Rinder seien alles werdende Mütter.
Für den Rest des Tages war dann Leine angesagt.

So, das musste ich doch mal eben loswerden.

Am Nachmittag machen wir ´ne schöne Sonthofenrunde und kommen am Rietzler-Bauernhof vorbei. „O je“, sagt Annegret, „wir warten hier, – ich sehe oben die Rietzlerkühe kommen!“ Das ist nämlich so, dass diese, wenn alle Dorfkühe zum Feierabend und Melken nach Hause kommen, das letzte Stück alleine gehen. Denen wären wir auf dem engen Sträßchen begegnet. Also warten wir am Hof. Und was glaubt ihr? Da kommt doch eine von den Kühen, als sie mich sieht, so dermaßen gezielt und nah auf mich zu, dass Annegret mich ganz schnell zwischen den Pickup und die Scheunenwand geschoben hat. Da konnte sie nicht hin.

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Also, – ich und Kühe, das bleibt ein Dauerproblem.

Mal sehen, was morgen auf dem Programm steht.

Samstag, 11. September:

Mit einem Blick auf die Uhr wird Annegret wach. „O je,“ sagt sie, „6.22 Uhr“. Das ist nicht ganz unsere Lieblingszeit. Aber bald schon steht sie auf, weil etwas ganz Besonderes auf dem Programm steht: Viehscheid in Schöllang! Wisst ihr, was das ist? Wusste ich auch nicht, Annegret auch nicht. Es ist der Alm-Abtrieb zum Spätsommer, wenn das ganze Jungvieh von den Alpen wieder zu Tale gebracht wird. Mit Riesenfest und Bohei!
O nein! Da steht mir aber gar nicht der Sinn nach. Nicht schon wieder Kühe!
„Keine Sorge“, meint Annegret, „wir machen den ganzen Zauber nicht mit, sondern gehen ganz früh auf die Strecke und passen die Herden vorher ab. Ich will nicht mit 1000 Leuten rumstehen.“
Wir also um Viertel nach sieben ins Auto, als gerade die Bergspitzen die erste Sonne abbekommen.

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Dann sind wir vier Kilometerchen gefahren und haben an einer Bergstraße geparkt. Annegrets Plan war, möglichst weit außerhalb zu sein und nach einer halben Stunde Marsch über Wiesen und durch Wald auf den Weg zu stoßen, den die Tiere runterkommen müssten.

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Als wir gerade in einem Waldstück sind, hören wir Kuhglocken. Zum Glück noch von weiter oberhalb. Wir beeilen uns und sind bald an der Stelle, die Annegret ausgesucht hat. Auf jeden Fall vor den Rindern.

„Entweder“ sagt Annegret, „kommen die von den Sonnenköpfen oder von der Gaisalpe. Hier stehen wir auf jeden Fall richtig.“

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Ich lausche ganz angespannt.

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Annegret sieht auf die Uhr.

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Alles nach Fahrplan. Dann kommen zwei Burschen und zwei Viehcher mit unglaublich großen Schellen an geschmückten Halsbändern.

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Jetzt bin ich mal gespannt, wie das weiter geht. Vom Tal kommt ein Fotograf, den Annegret gleich interviewt. Er meint, bis die Herde kommt, dauert das gewiss noch eine Dreiviertelstunde. Später kommt ein Bauer hoch. Der sagt dasselbe und ergänzt: „Erst bekommt das Rind den Kranzschmuck.“ Jetzt gerät Annegret in Stimmung! Genau hier, an dieser Stelle kann sie das miterleben! Man spricht noch über den großen Stress, den die Tiere haben. Die sind nämlich schon seit zwei Stunden unterwegs, und das mit den großen, lauten Glocken!
So eine Riesenschelle mit Schmuckband kostet mal gut 200 €.
Von Schöllang kommen mit dem Auto immer mehr Akteure.

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Dann geht´s ans Schmücken.

Aber Annegret beschließt, dass ich nicht zusehen darf. „Ich weiß nicht, was du heute drauf hast, wenn so viele Tiere kommen! Ich traue dir nicht.“ Spricht´s und bindet mich etwas abseits und von Sträuchern verborgen an ein Bäumchen.

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Schluss mit lustig.

Annegret beobachtet alles und fotografiert. Sie hat gelesen, dass es nur noch wenige Kranzbinderinnen gibt, die den Kopfschmuck nach alter Tradition herstellen können.
Das Kranzrind, also die Schönheitskönigin, wird schon auf der Alpe von den Hirten ausgesucht. Wenn allerdings zur Viehscheid nicht alle Tiere mit zurückkommen, weil es z.B. bei Neuschnee im Sommer einen Verlust gegeben hat, dann muss eine Herde ohne Kranzrind zurückkehren.

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Die Hirten haben einen ganzen Anhänger mit ihrem Gepäck dabei. Für sie ist es jetzt auch vorbei mit der himmlischen Ruhe droben auf den Alpen. Im Tal müssen sie nachher alle Tiere unterscheiden und sortieren und den Besitzern übergeben. Und da kommen allein in Schöllang von fünf verschiedenen Alpen aus zwei Richtungen etwa 800 Tiere zusammen.
Aber das interessiert mich alles überhaupt nicht.
Ich jammere und wimmere an meiner Anbindestelle ganz erbärmlich. Annegret lässt sich aber nicht erweichen, – im Gegentum: Ich werde mit einer zusätzlichen Leine gesichert, denn immer näher kommt der dröhnende Lärm von oben.

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Schnell werden noch ein paar Fotos geschossen.
Es wird immer feierlicher und ernster und aufgeregter.

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Die Gekürte sieht übrigens von vorne besser aus als von hinten.

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Aber jetzt kommt das, was ich eigentlich und überhaupt nicht beschreiben kann. Wie eine Lawine kommt die Herde mit ihren Hirten den Weg runter. Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals einen solchen Höllenlärm gehört! Die vielen Hufe und die irrsinnig großen Glocken dröhnen, dass mir die Ohren bersten. Annegret macht eine Movieaufnahme mit der Kamera. Leider als Stummfilm. Und ich fange an zu bellen! Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich derartig laut und wild gebellt. Und das mit Erfolg. Denn durch diesen ganzen ohrenbetäubenden Kuhglockenradau konnten mich mehrere Rindviehcher hören. Ihr könnt das genau auf dem Video (es müsste eigentlich „Vieh“deo heißen) sehen. Die Rinder, die sich zum Bildrand umdrehen, gucken zu mir! Ich bin außer mir und werde diese Minuten mein Leben lang nicht vergessen!

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Das Schlusslicht bildet ein Hund. Leider hat er mich nicht gesehen.

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Wir haben dann unseren Rückweg angetreten („Via spinaci“)

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und konnten noch wer weiß wie lange das Glockengedröhne aus dem Tal hören. Oben vom Berg konnte man Schöllang und den Einzug der anderen Herde von Reichenbach her sehen.

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Einen kleinen Umweg mussten wir noch in Kauf nehmen, weil gerade ein Stück Weide mit einem Elektroband – natürlich für Kühe – abgeteilt wurde. Auf diese Weise kamen wir ganz nah an Gleitschirmern vorbei. Sofort haben wir an dich, lieber Rafael, gedacht. Du sparst ja jetzt auf eine Ausbildung.
Pass auf, wie das geht:
Der Lehrer sagt: „So, los geht´s, Conny! Lauf!

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Schnell! Und Sprung!“

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Und dann beobachtet er, wie´s weitergeht.

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Über Funk sagt er: „Conny, mehr rechts! Rechts auf d´ Kirch zu. Beide Hände hochhalten. Weiter rechts! Jetzt drehen! Gut! Nach links. Und Landung fertig machen!“

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Hat ganz prima geklappt. Ich habe alles mitverfolgt.

Annegret meint, wir sollten jetzt mal weitergehen. Mehr Höhepunkte verkraftet sie nicht. Durch unseren Umweg kommen wir dann an einen doppelten Stacheldraht. Hier müssen wir irgendwie durch oder drüber oder drunter her. „Hannes, du musst kriechen!“ Ach ja, genau, kriechen hat Annegret mir ja mal beigebracht. (Das könnt ihr nachlesen, wenn ihr in meinem Blog bis zum Geburtstagsbrief 2010 zurückblättert.)

Als wir dann wieder über eine freie Wiese laufen, die immer noch pitschenass ist, freut sich Annegret, dass sie ihre Goretexschuhe anhat.

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Und direkt neben sich sieht sie gleich den nächsten Höhepunkt:

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Ein Edelweißchen! „Das fängt ja gut an“, murmelt sie nur, „ich fasse es nicht!“

Aber ein Höhepunkt kommt noch dazu!
Am Nachmittag machen wir einen schönen Spaziergang um Beilenberg herum.
Als wir am Haus zurück und am Eingang sind, sagt Annegret: „Ich fasse es nicht!
Hier hängt der Kranz! Das gibt es ja wohl nicht!“

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Sofort klingelt sie bei Vögels und fragt nach.
Tatsächlich! Die Schönheitskönigin 2010 ist von unserem Bauernhof!

Ich glaube, ich muss meine Meinung über Kühe nochmal überdenken.

So, jetzt mache ich aber erst einmal Schluss.
Ganz schön viel habe ich euch zu erzählen gehabt.
Wir sind ja erst vorgestern gekommen.

PS:
Annegret hat im Internet die Allgäu-Nachrichten rausgesucht.
Und was findet sie?
Ein Foto, auf dem die Rinder nach mir Ausschau halten!

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Und in der Zeitung steht:

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