Höllenbahn und Gipfelstürmer

Montag, 20. September:

„An die Arbeit!“, sagt Annegret früh am Morgen, „Supersonnenwetter, heute kommt unsere erste große Etappe!“ Damit meint sie eine Strecke aus ihrem Wanderbuch, die mit 4 reinen Gehstunden angegeben ist, mittelschwer, „Kletterfreuden für Kinder“. „Dann werden wir das ja wohl auch schaffen, obwohl wir mindestens 5 Stunden brauchen mit allem Fotografieren und Päuschen.“ Und sie zeigt mir bei der Vorfrühstücksrunde, wo es nachher losgehen soll.

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Wir parken auf einem riesigen Parkplatz und Annegret zeigt mir die „Hörnerbahn“.

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„Damit fahren wir jetzt. Mal sehen, ob dir das gefällt.“

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Aber erst muss sie eine Bahnkarte kaufen. Es kommen viele Menschen, die wohl alle hoch wollen. Die Schalterfrau sagt: „Elf Euro fünfzick, dr Hund umsonscht.“ Dann geht´s weiter eine Treppe hoch, danach durch ein komisches Drehkreuz. Das schaffe ich noch, aber mir wird schon mulmig.

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Jetzt kommt so ein Kabinchen auf uns zugeruckelt, die Türe schon offen und Annegret steigt schwupps hinein. Ich kriege leicht die Panik und denke nur: Ohne mich!! Ich ziehe rückwärts wie ein störrischer Esel, aber ich habe keine Wahl. Annegret zerrt und das Gehäuse rutscht weiter. O je! Ich also rein mit vier schlotternden Knien. Aber das ist erst der Anfang. Jetzt fängt alles an zu schaukeln und zu schwingen. Ich sterbe vor Angst. Das ist keine Hörnerbahn, das ist eine Höllenbahn!

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Allerdings bin ich auch wahnsinnig neugierig. Man kann zu allen Seiten raussehen. Das mache ich auch und zittere dabei wie ein Lämmerschwanz.

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Acht Minuten soll die Fahrt dauern, sagt Annegret. Sie findet 11,50 € für 8 Minuten viel Geld. „Stell dir vor, wie viele Kilometer wir dafür hätten umsonst gehen können!“ Genau, sie hätte das mir und sich ersparen sollen.

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Kaum sind wir oben, muss ich mich erst mal erleichtern.

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Hu! Das war der Hammer! Aber was es jetzt zu sehen gibt, auch.
„Schau“, meint Anneget, „die Welt liegt uns zu Füßen.“

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Aber es geht noch weiter rauf.

Die Spitzen hinten in der Ferne sind unser Ziel, das Riedbergerhorn.

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Ich zeige euch mal eben die Strecke.

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Zuerst kommt so ´ne Art Promenade. Natürlich mit vielen Leuten.

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Der Weg wird schmaler, wir – mitten in der Prozession – kommen nicht an den Oldies vorbei.

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Zum Glück haben nach einer halben Stunde alle beim Berghaus Schwaben ihr Tagesziel erreicht und müssen jetzt essen und sonnen.

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Annegret guckt in ihr Wanderbuch. „Halt! Stop! Wir müssen ein bisschen zurück. Vor dem Berghaus geht´s rechts hoch.“ Das ist eine tierische Steigung. 100 Höhenmeter auf dem kürzesten Weg! Mir gefällt das alles so gut hier, dass ich immerfort die Ausblicke genießen muss.

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Als nächstes kommt eine Kuppe, über und über mit Heidelbeeren bewachsen,

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und endlich der Große Ochsenkopf. Was für ein Panorama!

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Aber die Leute dort können Annegret leider nicht beim Bestimmen der Berge helfen. „Mir seins ´s erschte Mol do.“

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Wir wollen ja auch weiter zum Riedbergerhorn, das man fast immer sehen kann.

Vorher müssen wir aber absteigen in ein Hochmoorgebiet.

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Wegen der großen Hitze habe ich inzwischen mächtig Durst. Aber hier oben gibt es kein fließend kalt Wasser.

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Ich verliere die Beherrschung und saufe Moorbrühe.

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Und so passiert´s:

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Der Schlick ist ganz zäh und klebt an meinen Pfoten. „Lieber an deinen als an meinen“, höre ich Annegret. Aber sie hat auch ihre Probleme und sagt:“Manno, ist dat hier saftig!“ Einmal muss auch sie einen Korrekturzug vornehmen.

Als es wieder bergan geht und der Pfad schmaler und steiler wird, mache ich auf einmal einen panischen Rückwärtssturzsprung und schmeiße beinahe Annegret noch mit um.
Was war?

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Ich Blödian hatte mich an einer Wegbiegung wahnsinnig erschrocken, als ich plötzlich ein Ungetüm sah!
Es war nur ein alter, verwitterter Stamm.

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Annegret hat sich furchtbar über mich erschrocken und fände das Fallen an steilen Stellen gar nicht witzig.

Wir sind ja übrigens im Gelände so gut wie immer miteinander vertäut, ein Gebinde sozusagen. Maximaldistanz: 8 Meter. Annegret würde mich auch niemals von der Leine lassen, weil sie solche Angst um mich hat. „Wenn du einmal abstürzt“, sagt sie, „dann reiße mich wenigstens mit in die Tiefe. Oder umgekehrt.“

Es kommt aber noch viel aufregender. Der Pfad wird zu einem Gratpfad, immer an einem Stacheldrahtzaun entlang.

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Zur einen Seite geht´s etwa 150 Meter runter, wo man den breiteren Weg sieht,

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zur anderen mal eben ungefähr 200 Meter.

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Dann kommt eine Stelle, wo selbst ich mit meinen langen Springbeinen ratlos werde. Ich muss kurz eine Planungsphase einlegen.

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Das dauert aber bei mir nie so lange wie bei Annegret, und dann springe ich. „Stop!“, höre ich von unten. „Warte, das wird ganz schwierig für mich!“  Über die Felskante kann ich Annegret auch gar nicht mehr sehen. Und dann passiert das Schlimme! Eigentlich war ein Steigeschritt von ca. 80 cm nötig. Aber Annegret sagt, dass sie ja immer für zwei Tritte einen festen Platz braucht. Das Problem muss sie lösen. Dafür legt sie erstmal ihren Stock weiter oben hin. Der hilft ihr hier überhaupt nicht. „Hannes, bleib schön stehen, warte!“ höre ich wieder. Sie versucht, feste Sträucher oberhalb zu erwischen, um sich daran hochzuziehen, hat aber dabei immer noch meine Leine in der Hand. Dann taucht kurz ihr Kopf auf – aber wieder ab. Bei der bizarren Kletterbewegung stürzt ihr die Kamera aus dem Etui, das sie immer am Rucksackgürtel festmacht.

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Könnt ihr euch dieses Entsetzen vorstellen? Kamera weg? Oder kaputt? Sie bleibt aber an einem Felszäckchen hängen. Annegret muss wieder zurück und alles wieder von vorne. Schrammer und Kratzer auf dem Display, sonst scheint´s noch in Ordnung. Als sie neben mir landet, macht sie ein Foto zurück. Da unten, wo ihr auf dem Foto die rote Markierung seht, haben wir gestanden!

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Jetzt muss Annegret mal erst tief durchatmen. Sie ist jetzt genau so zittrig wie ich am Morgen in der Höllenbahn und außerdem sehr sauer auf den Wanderbuchautor, der die Tour als „mittelschwer“ und für Kinder tauglich eingestuft hat. Beim genauen Betrachten der Strecke sieht sie die Passage:

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Pünktchenlinie bedeutet alpine Strecke (ausgesetzter Pfad)! „Nie mehr“, sagt sie, „werde ich mich ohne Überprüfung der Karte aufs Wanderbuch verlassen! Mich kann jetzt höchstens noch ein Edelweiß ausloten!“

Stattdessen treffen wir auf Kuhmist.

„Sag an, Hannes, wie denkst du darüber“, – so spricht Annegret ja mit mir – „Kuhmist hier auf dem Grat heißt ja, dass die Viehcher hier rumturnen können! Wieso nicht ich? Liegt das daran, dass ich schon so eine alte Kuh bin oder nur zwei Beine habe?“

Ja, woher soll ich das wissen?

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Wir machen jedenfalls jetzt erst einmal eine kleine Pause. Das war doch eine nervenaufreibende Strapaze, jedenfalls für Annegret.
Ich habe inzwischen ein anderes Problem: Mein riesiger Durst!

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Nichts als trockene Steppe um mich herum! „Ach komm“, sagt Annegret, „es wird schon wieder ein Brünnlein fließen, wenn wir über den Berg sind!“

Beim Gipfelkreuz angelangt,

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sind wir nicht die Einzigen und ich auch nicht der einzige Hund.

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Jede Wette, dass die von einer anderen Seite hochgekommen sind, genau wie die Männer mit ihren großen Tragegestellen und Modellflugzeugen.

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Alles hier oben ist atemberaubend!
„Bei der Fernsicht“, sagt Annegret, „brauche ich kein Edelweiß mehr. Wär zwar schön, ewwer et jeht nit all.“
Sie ist sich allerdings sicher, im fernen Westen schweizerige Berge sehen zu können.

Ich halte auch richtig rundum Ausschau.

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Dann geht´s an den Abstieg. Ich brauche ja Wasser, besonders bei dieser intensiven Höhensonne.

14.00 Uhr: Endlich! Wasser im Schatten!

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Und danach kommt natürlich alle Nase lang was angeflossen.

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Ich nehm´ es, wie es kommt.

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Beim Abstieg können wir noch einmal schön den Beginn unserer Wanderung sehen:
Hoch oben die Promenade von der Hörnerbahn zum Berghaus Schwaben.

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Auf einmal bleibt Annegret stehen und schreit: „O nein! Ich fasse es nicht!
Noch ´ne
Lebensgefahr heute!
Wenn du lesen könntest!“

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Ein Stückchen weiter sehen wir die Bescherung.

Das sieht nicht gut aus. Da ist kein Durchkommen und kein Vorbeikommen, weder rechts noch links.

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Inzwischen sind wir aber gesichtet worden und der Aufräumerer räumt für uns auf.

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„Hier können´s durch!“

Danke.

„Sag mal, Hannes“, werde ich befragt, „wie sind eigentlich bei diesen wahnsinnig steilen Waldstücken Holzfällarbeiten möglich? Bäume zu Fall bringen geht ja vielleicht noch. Aber dann?“
Hm. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.
Und inzwischen bin ich auch hundemüde.
War nix mit 5 Stunden.

Beim Abwärtsmarschieren haben wir immer Rubi-, Gaisalp- und Nebelhorn vor uns.

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Als Annegret am Hang den Pfad sieht, der uns bestimmt sein soll, sagt sie: „Nee, mir reicht´s mit Sonne. Sonst bin ich heute Abend nur noch ein Glühwürmchen. Wir gehen durchs schattige Tal.“

Das soll ihr die Antwort auf die Holzfällfragen bringen.

Auf einmal prustet sie los:

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„Was? Hier ´ne Seilbahn?
Glaub´ich nicht.“

Doch als wir der Sache näher kommen, staunen wir nicht schlecht:

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Annegret sieht sich das Ganze erst an und interviewt dann die Seilbahnförster.

Tatsächlich, eine andere Möglichkeit des Abtransports vom gegenüberliegenden Hang oder aus der Tiefe als mit provisorischen Seilbahnen gibt es nicht.

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Hm. Da habe ich doch glatt was dazu gelernt.

Am Auto sind wir aber immer noch nicht. Zum Trost gibt´s noch schöne Ausblicke auf dem letzten Stück.

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Als wir endlich nach über 6 Stunden am Parkplatz landen, kriege ich doch tatsächlich nochmal einen kleinen Schreck, als ich nämlich die Höllenbahn wiedersehe.

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Während Annegret nach Beilenberg zurückfährt, schlafe ich schon.

In unserer Ferienwohnung hätte ich´s fast noch bis auf mein Nerzbett geschafft.

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Aber auch nur fast.

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