Föhnfrisuren

„Ein bisschen Holland kann nicht schaden“, sagt Annegret, und: „Hannes, wir hauen ein paar Tage ab, sonst wird mein Resturlaub schlecht.“

Holland? O ja!
Das heißt Föhnfrisuren!

Ich bin schon das sechste Mal hier (Annegret war schon 9 x hier) und deswegen müsstest du schon alles kennen, was ich früher erzählt habe, z.B. Jan. 2005, Dez. 2006, Febr. 2011, Jan. 2014.

Diesmal habe ich von Anfang an bei der Fahrt aufgepasst, ob das auch stimmt, was Annegret gesagt hat: „Hannes, wir fahren nochmal nach Holland!“
Bei einem Zwischenstopp stellt Annegret fest, dass sie weder Anorak noch Mantel dabei hat. Nur ihre „Vielzuschadejacke“, die nichtmal Wind und Regen abhält, hat sie mit. Typisch! Ich glaube, wenn ich nicht selbst immer so aufpassen würde, hätte sie mich auch schonmal vergessen. 

Zum Glück bin ich ein Hund: Für jeden Fall das richtige Fell!

Kaum haben wir die Zeelansbrug hinter uns, hält Annegret an.

Hier steigen wir jedes Mal aus.

Au weia! Der Sturm fegt sofort in den Kofferraum und in meine Frisur!

Hui! Kaum draußen, kann ich nix mehr sehen!
Trotzdem: Ich spritze mal eben eine wichtige Botschaft an den Sockel: Hannes ist hier!

Der Rest ist wie immer: Möwen!

Wenn die Möwen Hunger auf Regenwürmer haben, trampeln sie auf dem Gras rum, damit die ans Tageslicht kommen.

Ein paar Kilometer brauchen wir noch.
Und dann sind wir endlich da! Unsre Wohnung ist, wie ich sie kenne und liebe.

Erstmal schnell ein Schlafzimmer sichern, bevor Annegret sich festlegt.

Und ganz schnell prüfen, ob ich das Grevelingenmeer von drinnen sehen kann.

Klasse! Direkt vor der Nase.
Und schon schippern die Fischer heim. An unserer Terrasse vorbei.

Aber jetzt bitte, Annegret, bitte mal eben raus auf den Deich! Das ist mein Lieblingsweg nach Brouwershaven.

Meine Güte, ist das ein Sturm. Die Leine fliegt im Bogen, obwohl sie stramm sein müsste!
Am Abend gehen wir nochmal zum Jachthäfchen. Ohrenbetäubend! Der Wind heult und alle Masten und Leinen ächzen und sirren und klappern und toben.

Danach bekomme ich zum Übernachten eine Decke in mein Schlafzimmer.
„Müde bin ich, geh zur Ruh…“ singt mir Annegret zum Einschlafen.

Der erste Morgen ist ganz schön.
Ich fang mal gleich draußen mit dem Vögelzählen an.

Es ist mir aber zu kalt.
„Annegret, lass mich rein!“
Wir haben´s nämlich ganz gemütlich drinnen.

Weil das Wetter so schön ist, aber nicht schön bleiben soll, wollen wir schon am Nachmittag zur Nordsee. Ich freue mich ganz doll! Riesige Dünen, feinster Kanickelgestank, Unmengen von Sand und Wasser – alles herrlich!
Da muss ich jetzt sofort hin!
Manno, am Strand ist ein richtiger Sandsturm.
Die Maxi-Abfallstation ist wie im Schnee versunken.

Mir fliegt alles in die Augen. Auch Annegret motzt schon, weil ihre Augen knirschen.
Föhntechnisch gesehen aber optimal.
Und was finde ich hier?
Ein Möwenstück!
Da kann ich aber nix mit anfangen.
Auch nicht mit den ganzen Muscheln.

Am Liebsten sind mir die Dünen: Kaninchen-Wonder-Land.

Aber ich bin absolut chancenlos gegen Annegret.
Sie passt höllisch auf, dass ich nix unternehme.
Ich finde noch ein Stück Möwe, aber von einer anderen. Sowas kann ich riechen.

Am Spätnachmittag, als wir wieder zurück sind, sehe ich schon wieder eine Möwe bei uns! Glaubt die etwa, sie kann über unser Grundstück latschen, wenn ich gerade mal außer Hause bin?
So geht das ja nicht! Ich muss draußen Wache schieben. 

Nächster Morgen: Gutes Wetter! Ich wieder raus. Man wird ja einfach nicht fertig mit dem ganzen Vögelbeobachten.
Heute haben wir Mittelsäger hier.

Nette Taucher mit fidelen Frisuren. „Föhnresistent“, meint Annegret.

Und in alle Richtungen noch jede Menge anderes Federvieh.

Die dreiste Dohle glotzt sogar bei uns rein.

„Hannes“, sagt Annegret, „heute fahren wir zum Naturschutzgebiet `Kabelaarsbank´. Da waren wir schonmal, ist aber lange her.“
Gemeldet ist eigentlich Regen, aber wir sehen ihn nicht. Also los. Mit dem Auto sind wir ganz schnell da.

Ich gleich auf die Pirsch.

Super! Allerdings kommt dann ein ziemlich blödes Schild.
Mist!

Ein Stückchen später ein ganz schönes Birkenwäldchen
und noch etwas später eine Torwand!
„Quatsch, Torwand!“, sagt Annegret, „das ist ´ne Absperrung, durch die man Vögel beobachten kann.“

Und während sie das macht,

schleiche ich einfach an der Torwand vorbei und auf einmal sieht Annegret mich auf der anderen Seite.

Uiuiui, da werde ich aber zurückgepfiffen! „Hannes! Naturschutzgebiet!“
Und zack und zerr muss ich wieder zurück.
Insgesamt ist mir die Runde viel und viel zu kurz.
Aber der dicke Regen ist im Anmarsch und Annegret möchte zum Auto.
Halt! Was sehe ich denn da? Da muss ich noch schnell hin.
Ach, wieder ´ne Leiche.

Als wir am Nachmittag zurück sind, ist das Wetter wieder gut geworden.
Also kann ich wieder Vögel zählen. Diesmal sind die Blässhühner dran.

Am dritten Morgen dann der Regen.

Wir gehen zwar nicht lange raus, aber der Sprühregen macht mich so nass, dass ich geföhnt werden muss.

Allerdings föhnt Annegret mir keine Frisur, sondern einfach nur mein Fell trocken.

Am Mittag will mal eben nachsehen, ob´s schon aufgehört hat. Und was sehe ich???
Ich bin empört! Diese plattfüßigen Enten gehen wohl davon aus, dass ich bei Regen nicht draußen bin. Und jetzt latschen die auch über unsere Terrasse! Das gibt´s doch gar nicht.

Frechheit. Auch die Mittelsäger sind wieder da

und jede Menge Gänse.

Als wenn die alle nur drauf gewartet hätten, dass ich drinnen bin.

Zum Glück ist am Spätnachmittag der Regen weg und die Sonne wieder da. Wir also wieder raus, unsere Häuserchen von der Seite ansehen.
Kein Wunder, dass ich so gerne hier bin!
Wir tigern ganz schön am Grevelingenmeer entlang.

Dabei föhnt der Wind meine Ohren hoch und runter.
An einer Stelle finden wir Unmengen von Austern. Allesamt leer.

„Tja“, meint Annegret, „die sind alle schon geschlüpft!“
Auf dem Rückweg muss ich mal eben vom Deich ins Dornengebüsch runterstochen und die Kanickel in ihren Verstecken ein bisschen erschrecken.
Als wir zurück sind, ist Annegret von dem Regenbogen begeistert. „Der ist für uns zum Abschied“, sagt sie.
Ich kann nichts, aber auch rein gar nichts erkennen.

A propos Verstecken und Erschrecken: Das mache ich ja total gerne bei Annegret. Und es klappt fast immer. Ich habe mich hier in den paar Tagen zwischendurch gerne mal in mein Schlafzimmer verzogen. Wir müssen ja nicht pausenlos zusammen sein. Nach unserem Spaziergang setzt sich Annegret ans Fenster: Vögel zählen oder stricken oder lesen. 

Und ich verstecke mich im Schlafzimmer. Irgendwann kommt Annegret und sucht mich.
Kein Hannes da! Decke wie leergefegt!

„Hannes!“ Ich mucksmäuschenstill.
„Hannes? … Das gibt´s doch gar nicht!“ Sie sieht um die Ecke, aber da ist nur der Hocker.
Dann geht sie zum Wohnzimmer zurück und sucht mich da und kommt von da wieder zurück. Guckt etwas weiter um die Ecke. Nix!
Oder doch? Liegt da nicht eine Hannespfote?
Und dann entdeckt sie mich. „Hannes, du elendes Mistvieh! Warum erschreckst du mich so?“
Natürlich, weil´s mir Spaß macht. Ich bin einfach durch das Höckerchen geklettert und habe mich dahinter gelegt.

Der nächste Morgen ist schon unser letzter Morgen. Diesmal mache ich aber kein solches Theater wie im Elsass, als ich überüberhaupt nicht mit nach Hause wollte. Ich war jetzt schon so oft hier, dass wir gewiss bald wiederkommen.

Auf dem Rückweg halten wir natürlich wieder an der Zeelandbrug.
Und natürlich lasse ich mich nochmal kurz föhnen.

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