Ich heiße jetzt TomTom

Jetzt kommt eine meiner unglaublichsten Geschichten und Abenteuer. Wenn ihr dazu auf Bilder wartet, braucht ihr gar nicht weiterlesen. Es gibt sie nicht. Ihr müsst mir einfach alles glauben.

Ich war nämlich stundenlang alleine unterwegs, – leider ohne Body-Cam! An einem stinknormalen Tag. Normale Arbeitstage, das heißt für Annegret und mich: Jeden Tag etwas anderes auf dem Programm.
Diesmal geht´s los nach Fritzdorf zu einem Sägewerk. Annegret will sich schlau machen mit irgendwelchen Holzsachen.
Dann nach Adendorf zu einem Obstfritzen, 10 kg Äpfel und noch andere Früchte kaufen für eine Konferenz. Weiter nach Meckenheim, hier auch noch was kaufen, auch für die Konferenz.
Anschließend nach Bad Godesberg. Annegret hat seit gestern den ganzen Rücksitz voll mit Kerzen für Ostern und die Konfirmation demnächst. Die müssen erstmal ausgeladen werden. Das  macht sie mit ihrer Kollegin Miriam. Ich bin im Kofferraum, wie gewohnt. Das ist zwar nicht irrsinnig interessant, aber ich darf halt überall hin mit und kriege dadurch auch viel zu sehen.
Nachdem die Kerzen alle ausgeladen sind, werden die ganzen Öbste jetzt an einen anderen Platz geschafft, nämlich in unseren großen Gemeindesaal. Dahin fahre ich ja fast immer mit. Und hier darf ich auch endlich raus aus dem Auto. Mehr noch: Ich darf auch wieder raus in den Garten. Das kommt zum Glück oft vor, denn hier bin ich ungestört und eingezäunt und kann viel machen: Meistens rase ich erstmal wie bekloppt rum, mit Hakenschlagen und anderen Fisematenten. Oder ich krieche durch die Sträucher oder ich buddele hinten in einer Ecke. Da ist schöne lose Erde, die weit fliegt. An diesen Ausgrabungen arbeite ich schon seit einigen Jahren. Aber heute entdecke ich etwas viel Spannenderes: Das immer und ewig abgeschlossene Gartentor steht ein Stück offen.
Himmel!
Hammer!
Das Tor zur Welt!
Offen für mich, den Hanneshund! Da hat´s aber einer echt gut mit mir gemeint. Ich zögere keinen Moment, mir einen kleinen Ausflug zu gönnen. Ob es überhaupt einen Hund geben könnte, der das nicht machen würde? Falls ja, dann müsste das ein arg verkümmertes, blödes Exemplar sein, ohne Eigenleben.

Also schnuffel ich los. Die Straßen hier kenne ich allesamt, weil Annegret und ich in diesem Revier oft zu Fuß unterwegs sind und allerlei erledigen. Hier im „Villenviertel“ ist nicht besonders viel Verkehr, das heißt, ich kann mich voll auf die Gerüche konzentrieren. Und dabei vergesse ich alles um mich rum. Auch das Zeitgefühl geht mir ein bisschen flöten.

Jetzt muss ich euch erklären, was mit Annegret in der Zwischenzeit ist. Sie hat mir nämlich alles haarklein erzählt. Um 12 Uhr wollte sie mal schnell mit mir über Mittag nach Hause, weil sie um halb zwei schon wieder im Saal sein musste: Besprechung für die Konferenz. Sie geht zu unserer Gartenabteilung und ruft mich. Nanu. Kein Hannes da. Also wieder rein. In den Nebenräumen und Kellern nachsehen. Kein Hannes da. Dann fragt sie vorne im Büro: „Hat einer den Hannes gesehen?“ Nö. Keiner. Also geht sie wieder draußen zum Garten und entdeckt dann das offene Gartentor. Ach du Schande!
Sie geht sofort wieder zum Büro und sagt dort: „Der Hannes ist weg! Das Gartentor ist offen.“ Gleich geht die Suchaktion los, zu Fuß, mit dem Fahrrad, in alle Richtungen und Nachbarstraßen. Jeder will, dass der Hannes wieder da ist. Aber Fehlanzeige. Und keiner, aber auch nicht einer, ist in der Lage zu schnuffeln, wo ich hingelaufen bin.
Als der Suchtrupp nach und nach in die Mittagspause geht, sucht Annegret mich mit dem Auto. Aber der Hannes ist weg. Das ist für die Nerven weniger gut. Allerdings fängt dann schon die Besprechung an. Zum Schluss fragt die Konferenzleiterin: „Wo ist denn der Hannes?“ Sie hatte mich letztes Jahr schon kennengelernt und fand mich auf Anhieb klasse.
„Der Hannes,“ antwortet Annegret, „der ist weg.“
„Wie – der ist weg?“
„Der ist seit 12 Uhr weg. Das Gartentor war offen.“
„Und dann halten Sie in aller Seelenruhe mit uns eine Besprechung ab?“
„Nein, von Seelenruhe kann keine Rede sein. Ich bin vollkommen aufgelöst.“
„Und was wollen Sie jetzt machen?“
„Warten. Warten, bis er wiederkommt oder bis einer anruft. Adresse und Telefonnummer hat er am Halsband.“
Und so wartet sie und sucht und gibt dann doch auf. Es macht keinen Sinn. Inzwischen ist es halb drei, ich bin also schon locker zweieinhalb Stunden fott. Das merke ich inzwischen auch, und ich denke, allmählich müsste ich Annegret suchen. Deswegen trolle ich mich Richtung Kirche. Hier sind wir ja auch ganz oft. Aber Annegret finde ich nicht. Stattdessen kommt Miriam und sieht mich. Sie merkt, dass irgendetwas nicht stimmt und will sich an mich ranmachen. Ich ahne Freiheitsberaubung und gebe Gas. Glück gehabt.

Jetzt wieder zu Annegret:
Kaum ist sie zu Hause, geht das Handy. „Miriam hier. Ich habe gerade den Hannes gesehen. Der ist hier an der Kirche. Ich wollte ihn einfangen, aber das wollte er nicht.“
„Okay, ich bin gerade erst zu Hause, komme aber sofort wieder.“
Sie schließt noch schnell unser eigenes Gartentörchen auf, falls irgendein guter Engel den Hannes finden und nach Hause bringen würde. Und sie ruft noch schnell den Bürodirektor an, der sofort mit dem Rad zur Kirche will, um mich zu finden oder aufzuhalten. Wir kennen uns sehr gut, er ist nämlich mein Patenonkel.
Um 3 Uhr ist Annegret auch wieder da, aber ich nicht mehr. Sie ist der festen Überzeugung, dass ich noch „in der Gemeinde“ bin und fängt wieder an zu suchen. Vor der Kirche, hinter der Kirche, neben der Kirche, rund um die Kirche. Kein Hannes da. Sie setzt sich ins Auto und fährt bis zum Saal, das ist ungefähr ein halber Kilometer. Kein Hannes da. Sie klappert die Straßen rundum ab. Nix. Dann macht sie alle Wege zu Fuß zwischen Kirche und Saal, wechselt auch ständig die Straßenseite, um möglichst überall Spuren zu hinterlassen, falls ich sie mit der Nase suche. Es ist inzwischen halb sechs. Sie kann ja nicht ahnen, dass ich schon längst nicht mehr in Rüngsdorf bin.

Ich habe nämlich, nachdem Annegret an der Kirche nicht zu finden war, die Entscheidung getroffen, auf eigene Faust nach Hause zu laufen. Das sind etwa 7 Kilometer. Diese Strecke haben wir nie zu Fuß zurückgelegt, sondern die verschiedensten Wege, die möglich sind, immer mit dem Auto gemacht. Aber wenn ich mich konzentriere, dann müsste ich mir alle Wegstücke, die ich kenne, zusammensetzen – wie ein Navi – und es bis nach Hause schaffen.
Ich habe ja einen großen Vorteil als gebürtiges Stadtkind. In Athen habe ich ja auch mein Leben alleine in die Hand genommen. Ich habe mir mein Tagesprogramm ausgedacht, viele Ausflüge gemacht und mich in einem Bistro versorgt. Ich war immer vorsichtig, umsichtig, klug, friedlich, niemals streitlustig. Und ich habe immer alles richtig gemacht, weil mir keiner reingeredet hat. Apropos Bistro: Ich habe inzwischen riesigen Kohldampf, weil ich kein Mittagessen hatte.

Endlich, endlich bin ich zu Hause, aber – Annegret ist nicht da. Das darf aber jetzt nicht wahr sein! Klingeln kann ich nicht, das Gartentörchen aufmachen auch nicht, aber sie braucht doch nur zum Fenster rauszusehen oder die Haustüre aufzumachen. O nein, wie entsetzlich! Jetzt muss ich sie in Niederbachem suchen. Ich bin in ganz großer Sorge und laufe bis zur Hauptstraße. Hier ist immer viel Verkehr. Trotzdem wechsele ich mal die Straßenseite. Mir fällt der Kiebitzmarkt ein. Nichts wie hin, denn mein Hunger ist riesig. Hier kaufen wir doch immer das Futter für mich. Aber alleine ohne Annegret werde ich nicht reingelassen. Dann kommt eine Frau auf mich zu, die ich nicht kenne, die mich aber anfassen will. Ich weiche ganz schnell aus. Von Fremden lasse ich mich überhaupt nicht anfassen! Ich will nur noch heim! Deswegen laufe ich wieder nach Hause, und die Frau folgt mir. Netterweise macht sie für mich unser Gartentörchen auf, ich gehe durch, und sie macht es hinter mir wieder zu. Dann lege ich mich auf die Terrasse.
Keine Annegret.
Kein Futter.
Müde, müde, müde.
Hungrig.
Traurig.
Wo um alles in der Welt kann sie nur sein? Hat sie mich verlassen? So etwas würde ich niemals machen!

Auf einmal höre ich die Quietschklinke vom Gartentörchen. Und dann guckt Annegret um die Ecke.
„Hannes!!!“
Ich komme zwar kaum hoch, so schlapp bin ich, aber bald schon liegen wir uns in den Armen und Beinen! Alles ist gut!
Ich kriege eine große Mahlzeit und viel Wasser.
Danach kommen noch viele Fragen:
„Sag mal, hast du das ganz alleine gefunden bis hierher?
Sag mal, wer um alles in der Welt hat dich in den Garten gelassen und das Törchen wieder zu gemacht?
Sag mal, warum haben wir uns in Rüngsdorf denn gar nicht gefunden bei all der Sucherei?
Sag mal, welche Strecke hast du denn genommen? Bist du unten am Rhein entlang gelaufen?“
All das verrate ich nicht. Es bleibt mein Geheimnis.
Annegret bewundert mich.
Und unseren Nachbarn, den sie gerade sieht, fragt sie, ob er mich reingelassen hat. „Nein, wieso? Was ist denn passiert?“ Kurz wird die Story erzählt. Daraufhin sagt unser Nachbar: „Ab jetzt soll der Hannes nicht mehr Hannes heißen, sondern TomTom.“ Das ist sehr lustig. Und passend!
Am Abend klingelt es bei uns. Die Frau, die mir das Gartentörchen aufgemacht hat, will sich erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Jetzt versteht Annegret allmählich, was gelaufen ist. Die Frau erzählt, dass sie uns beide von Ansehen kennt, weil wir ja viel draußen sind. Aber als sie mich alleine an der Hauptstraße gesehen hat, hat sie gleich gewusst: Da stimmt was nicht. Sie wollte mir helfen, dass mir bei dem Verkehr nichts passiert, aber das wollte ich ja nicht. Deswegen hat sie mich verfolgt, weil sie dachte, dass ich gewiss nach Hause laufe. Und da konnte sie mir wenigstens mit dem Gartentörchen helfen.
Gott sei Dank!

So, das war mein Krimi.

Wenn ihr noch einen anderen aus vergangenen Tagen lesen wollt, dann hier:

1 Stunde in der Hölle

Tschüss
euer TomTom

 

4 Gedanken zu „Ich heiße jetzt TomTom

  1. Birgit Luhmer

    Lieber Hannes TomTom Kadur, es war mir eine besondere Freude Dir die Tür zu öffnen. Aber bitte versprech mir, nicht mehr alleine durch die Gegend zu laufen. Glaub mir das ist viel zu gefährlich ! Kostet Deinem Frauchen viel zu viele Nerven, wenn Du alleine unterwegs bist, denn sie weiß wie gefährlich Autos sein können. Vielen Dank für das schöne Blumenkörbchen, darüber habe ich mich sehr gefreut, ist nicht selbstverständlich und ganz reizend. Zu helfen sollte selbstverständlich sein ;)). Alles Beste Euch beiden bis bald bei einem Kaffee im Garten

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  2. Bürodirektor

    … und der Patenonkel wischt sich heute noch den Schweiß von der Stirn in Erinnerung an diesen Tag. Alles gut gegangen! Schlauer TomTom-Hannes!

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  3. Kiki Landmann

    Nach der „Mäusetot“ Geschichte habe ich Lola und den Landmännern gleich auch noch Dein nächstes Abenteuer vorgelesen und die Eva hat zum Schluß ganz skeptisch gesagt – nee, aber das hat sich die Annegret doch ausgedacht. Das kann doch gar nicht stimmen.

    Aber da ich Dich, Hannes, ja inzwischen ganz gut kenne, habe ich gemeint, daß das wohl alles schon so zugegangen ist und daß so ein Streuner ganz schöne Strecken alleine ausbaldowern und auch zurücklegen kann.

    Stinkebeleidigt war Lola allerdings bei der Stelle, wo es um Hunde geht, die trotz offener Gartentür gar nicht weglaufen. „Ein arg verkümmertes, blödes Exemplar ohne Eigenleben …“ Phhh! Bei uns steht nämlich die Gartentür öfter mal auf, weil der Müllmann oder der Briefträger oder auch der Ben vergißt, sie wieder zuzumachen. An einer Tür haben wir deshalb schon so einen „Schließarm“, aber an der anderen geht das nicht … Die Lola geht dann auch raus, aber was sie dann macht, ist etwas ganz anderes: sie geht zu den Nachbarn, die auch keinen abgeschlossenen Garten haben und setzt ihnen ein kleines Geschenk mitten auf den Rasen. Komisch nur, daß die Nachbarn dann zu uns kommen und sagen, daß sie das Geschenk gar nicht haben wollen und daß wir kommen, es in einen Plastiktüte packen und wieder mitnehmen sollen!

    Weiter weg geht Lola allerdings nie, denn das käme ja einer Arbeitsverweigerung gleich! Ihr Job ist doch, aufzupassen, daß alle in der Familie immer zusammen bleiben, keiner verloren geht und vor allem, daß keine Bösen in unseren Garten kommen! Böse Elstern, vorwitzige Eichhörnchen, freche Katzen, kichernde Kinder, schwer schleppende DHL Boten, lautstarke Handwerker – die müssen doch alle lautstark angemeldet, das heißt, verbellt werden! Nee, ohne ihre Familie geht die Lola nirgendwo hin, denn das ist das Eigenleben einer Aufpasserin, einer Landmann-Hütehündin.

    Jedem Tierchen sein Plaisierchen, und so ein Streuner wie Du führt eben ein ganz anderes Eigenleben. Wär ja auch totlangweilig, wenn alle gleich wären und wir gar keine spannenden Geschichten mehr auf dem Hannesblog hätten.

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  4. Die Rosenrainer

    Mensch, Hannes, der Bürodirektor hat mir die Geschichte gleich brühwarm erzählt. Ich war voller Schrecken ob der Gefahren auf Deinem Weg und sehr erleichtert, dass Du ihn so gut gemeistert hast. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Kinder das so ganz ohne elektronisches Navy geschafft hätten!? Jedenfalls habe ich die Annegret nicht beneidet um die durchgestandenen Ängste, Sorgen, Befürchtungen. Du scheinst ja mit Navy-Implantat, ganz viel Talent und Spürsinn ausgestattet zu sein. Na, Gott-sei-Dank!

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